
Finanzen, insbesondere Kryptowährungen, verzeihen keine Fehler. Sobald der verängstigte Besitzer einer Krypto-Brieftasche unter psychischem oder physischem Druck seine Seed-Phrase oder seinen privaten Schlüssel preisgibt, sind seine digitalen Vermögenswerte innerhalb weniger Minuten, manchmal sogar in Bruchteilen einer Sekunde, aus der Brieftasche verschwunden. Nach dem Diebstahl der Vermögenswerte nutzen Kriminelle häufig Dienste (Mixer, Tumblers und andere Kryptomixer), die die Kryptowährungen vieler Nutzer vermischen – und damit die Rückverfolgung der Herkunft der Gelder erschweren. Obwohl internationale Strafverfolgungsbehörden verschiedenen Krypto-Betrugsmaschen besondere Aufmerksamkeit schenken, warnen sie immer wieder: Wenn echte Menschen Jagd auf Ihre Krypto-Brieftasche, Coins oder Token machen, beginnt ein ganz anderes, manchmal lebensgefährliches «Spiel».
Mitten in einem Olivenhain in Spanien steht ein kleines, recht farbenfrohes Haus. Dort lebten Daniela und Manuel. Für alle waren sie ein ganz normales Ehepaar, obwohl sie noch vor einigen Jahren ganz andere Namen hatten – Angela und Ivan. Nur zwei Dinge verbanden sie: die Vorliebe für Betrügereien und die Liebe zum Geld anderer Leute. Das Aufkommen der Kryptowährungen eröffnete ihnen neue Perspektiven und Möglichkeiten.
Einst waren sie professionelle Schauspieler, doch Anfang der 2000er Jahre zogen sie im Rahmen eines Vertrags nach Spanien und blieben im Land. Sie erwarben ein von aussen altes, innen jedoch modernes und komfortables Haus auf einem Hügel inmitten silberner Olivenbäume. Genau zu dieser Zeit entdeckte Daniela, alias Angela, die Kryptowährungen für sich und gab später ihre «Liebe zu den Coins» auch an Manuel weiter.
Jeden Morgen um Punkt sieben öffneten sich die Haustüren, und zwei Gestalten traten heraus und gingen schweigend zwischen den Bäumen hindurch. In den Händen trugen sie stets alte Metalleimer. Die Nachbarn lächelten nur: «Das sind ja sehr fleissige Leute», sagten sie.
Ihr neuer Nachbar war der Krypto-Unternehmer Rosenblatt. Er hatte sich den Platz neben ihnen nicht ausgesucht, entwickelte aber schnell Sympathie für das Ehepaar. Schliesslich war das Paar fast gleichaltrig wie Adam Rosenblatt und stand ihm oft mit Ratschlägen rund um den Haushalt zur Seite. Ausserdem brachten sie selbstgemachtes, duftendes Olivenöl mit.
Einmal pro Woche, am Abend, bewunderten alle drei den Sonnenuntergang und unterhielten sich über das Wetter, die Wirtschaft, Kryptowährungen und Fussball.
Tatsächlich hatte sich jedoch einige Monate zuvor ein Unbekannter mit russischem Akzent an sie gewandt:
«Ich brauche Adams Tagesablauf: wann er das Haus verlässt und wann er zurückkommt. Wo er sein Auto in der Stadt parkt. Den Kreis der ihm nahestehenden Personen, mit denen er Kontakt hat. Sonst nichts.»
Die Bezahlung war so hoch, dass es viel schwieriger war, abzulehnen, als zuzustimmen. Und man muss es ihnen lassen: Die ehemaligen Schauspieler spielten ihre Rolle brillant – sie beobachteten Adam ganz ungezwungen, hielten aber alles detailliert fest und fuhren einmal pro Woche nach Málaga, um sich mit dem Unbekannten zu treffen.
Genau deshalb hat niemand etwas geahnt. Doch an einem lauen Abend änderte sich alles.
Die Tür von Rosenblats Wohnung wurde mit einem einzigen Schlag eingetreten. Vier maskierte Männer stürmten ins Zimmer:
«Gib uns die Krypto-Brieftasche. Die Passwörter. Die Seed-Phrase. Schnell und ohne Blödsinn. Dann wird niemand zu Schaden kommen.»
Zwei der Angreifer schwiegen. Die ganze Zeit über hatten sie kein einziges Wort gesagt. Sie gaben den anderen beiden nur Gesten.
Doch Rosenblatt erkannte sie. An ihren Silhouetten, an ihrer Art zu gehen. Bei der schlanksten und kleinsten Gestalt fiel Adam die Angewohnheit auf, den Kopf leicht zu neigen, wenn er nachdachte. Ihm schoss ein Gedanke durch den Kopf: Genau so hatte ihn seine Nachbarin jeden Morgen begrüsst und ihn nachdenklich angesehen, wenn sich ihre Blicke zufällig trafen. Danach ging jeder seiner Wege: Sie gingen mit den Eimern zum Olivenhain, er zum Ufer.
Während die Angreifer das Arbeitszimmer durchsuchten, drückte der Hausherr unbemerkt einen versteckten Knopf, um den Sicherheitsdienst zu alarmieren. Es vergingen nur wenige Minuten, da durchbrachen Sirenen die nächtliche Stille.
Niemandem gelang die Flucht.
Bei der Durchsuchung der Festgenommenen fand die Polizei Kommunikationsmittel, Anleitungen zum Zugriff auf Krypto-Vermögenswerte sowie entsprechende Ausrüstung. Während die Ermittler mögliche Verbindungen dieser Gruppe zu einem internationalen Netzwerk untersuchten, das sich auf die Erpressung digitaler Vermögenswerte spezialisiert hatte, durfte Rosenblatt nur eine einzige Frage stellen.
– Warum habt ihr das getan?
Manuel blickte aus dem Fenster, wo Gewitterwolken über den alten Olivenbäumen hingen, und tat so, als hätte er die Frage nicht gehört. Daniela schwieg lange und blickte, den Kopf leicht zur Seite geneigt, zu Adam. Dann antwortete sie leise:
– Geld. 13 Münzen.
Nur ein Satz, der ohne einen Hauch von Reue ausgesprochen wurde. Diese Wahrheit versetzte Adam in Fassungslosigkeit. Rosenblatt begriff: Am gefährlichsten ist derjenige, der dich seit Jahren begrüsst, lächelt, mit den Augen zwinkert und jeden Tag mit zwei alten Eimern vorbeigeht.
In der Welt der Kryptowährungen liegt die grösste Schwachstelle oft nicht in den Verschlüsselungsalgorithmen, sondern im menschlichen Vertrauen. Gerade Social Engineering, das Sammeln von Informationen über das Opfer und physischer Zwang gehören nach wie vor zu den effektivsten Methoden, um digitale Vermögenswerte zu entwenden. Der Schutz einer Krypto-Brieftasche beginnt also in Wirklichkeit nicht mit einem Passwort oder einer Seed-Phrase, sondern mit Vorsicht gegenüber Menschen, die mehr über dein Vermögen wissen, als sie sollten.